Afrika

Aktualisiert: Okt 1

Noch 3 Tage inkl. heute und ich fliege nach Hause. Zeit also für einen kleinen Rückblick.

In den letzten 32 Monaten war ich insgesamt 18 Monate in Afrika um im Auftrag der Bundeswehr zu fliegen.

Interessante Zeiten, in denen ich wieder Einiges lernen konnte.

Am Anfang lange Zeit in der Hauptstadt des Niger lebend, fühlte ich mich dort trotz der prekären Situation sehr wohl.

Als zweit ärmstes Land der Welt leben die meisten Menschen dort in für uns Europäer oft unvorstellbaren Verhältnissen.

Die gesamte ‚Prachtstrasse‘ oder ist dies einfach eine für eventuelle Militäraufmärsche konzipierte Strasse, die das gesamte Stadtgebiet umschließt, ist zum großen Teil gesäumt von Aneinanderreihungen von Bergen von Fahrzeugteil und Autowracks, die in unserem Land nicht einmal als Schrottplatz durchgehen würden und vom Ordnungsamt sofort geschlossen würden.

Hier dienen sie aber der Ersatzteilversorgung für die Autos, für deren Entsorgung wir noch Geld zahlen müssen, die aber auf allen möglichen Wegen nicht in der Schrottpresse landen, sondern hier in Afrika den Individualverkehr aufrecht erhalten. Also Afrika als Schrottplatz für Europa.

Und ich meine nicht wieder aufzubereitende, schlechte Gebrauchtfahrzeuge. Ich spreche von absoluten Schrottkarren, für die sich der westliche Schrotthändler zu fein wäre.

Hier werden sie in Handarbeit, unter einfachsten Bedingungen zusammengeflickt und dienen den Menschen als Transportmittel. Alle 100 Meter steht wieder ein Auto mit defektem Rad auf der Fahrbahn, wenn eine Scheibe fehlt, bleibt sie halt weg. Gebrochene Achsen und Rahmen werden mittels selbstgebastelten Schweißgeräten zusammengeflickt. Gerissene Reifen werden auch gerne mal genäht.



Ansonsten versucht jeder sich irgendwie über Wasser zu halten, indem auf der Strasse alles mögliche verkauft wird. Ich kenne in Niamey nur 3-4 Geschäfte, die in Europa als solche bezeichnet würden. Der Rest der Handels- und Einkaufswelt besteht aus Bretter- oder einfachen Betonbuden mittels derer die Versorgung sicher gestellt wird.


Zahlen, die mich nachhaltig beeindruckten: das Durchschnittsalter der nigrischen Bevölkerung liegt bei 15,2 Jahren (Deutschland 45,5) die Lebenserwartung im Niger sind 60 Jahre (Deutschland 81) und jede Frau im Niger hat im Mittel 7,4 Kinder.

Trotz alledem ist die Kriminalität in der Hauptstadt sehr gering und die Menschen machen auf mich einen offenen und freundlichen Eindruck.

Ich war immer gerne in Niamey und wenn ich aus Deutschland wieder nach Afrika kam, fühlte ich mich, als käme ich nach Hause.

Alle meine Kollegen, die hier waren, kehrten mit einem veränderten Weltbild zurück nach Hause und wenn ich nach einem Einsatz wieder in Hannover war, hatte ich jedesmal mit der Jammer- und Klagementalität der Deutschen (und deren Unfreundlichkeit und Rechthaberei) zu kämpfen.

Auch hier wird wieder deutlich: Schau über den Tellerrand und Dein Blick auf die Welt verändert sich. Wenn das kein Statement für eine Weltreise ist….

In meiner Zeit in Afrika, außer im Niger war ich den Rest der Zeit in Mali, lernte ich auch viele Menschen kennen. Zum einen meine Kollegen der Firma, die mich bezahlte und zum anderen die Menschen von der Bundeswehr, mit denen ich zusammen arbeitete.

Als Kriegsdienstverweigerer (heißt das heute nicht Wehrdienst oder Friedensdienst?) hatte ich doch in den fast 3 Jahren soviel Einblick in die Strukturen der BW, dass ich mehr als einmal konstatieren konnte, das ich genau aus dem richtigen Grund 1972 verweigert habe: dieser bürokratische und formalistische Haufen hätte mich wahrscheinlich wegen Unbotmäßigkeit und Befehlsverweigerung, wahrscheinlich auch wegen Frechheit und Disziplinlosigkeit dauerhaft in Schwierigkeiten gebracht.

Aber die BW ist nicht nur eine träge Organisation, sondern vor allem auch eine Ansammlung unterschiedlichster Charaktere.

Ich hatte hauptsächlich mit Leuten im Umfeld des viel gescholtenen KSK zu tun und muss eindeutig dem Bild, das in den Medien gezeichnet wird, widersprechen.


Nicht einen Haufen Rechtslastiger Verschwörer habe ich kennen gelernt, sondern ich erlebte durchweg differenzierte, offene Typen, die sich ihren menschlichen Werten verpflichtet fühlen und auch so handeln. Ich entdeckte eher linkes oder liberales Gedankengut. Konservatives Denken ist weniger verbreitet.


Und ich lernte einige Menschen sehr schätzen.

Was wären meine Tage ohne den morgendlichen Kaffeeplausch der ‚Zwillinge‘ Patrick und Jonathan, zwei ruhige Jungs, immer für einem Scherz zu haben, aber auch für einen ernsthaften Gedankenaustausch gerne bereit.

Oder Ivan. Selten habe ich einen so ruhigen, ausgeglichenen Menschen erlebt, mit dem ich später auf einer gemeinsamen Motorradtour viel Spass hatte.

Horst, der es auch nicht lassen kann und nach seiner Pensionierung weiter im Einsatz ist. Immer hilfsbereit und für lange Gespräche zu haben.

Und einige mehr, deren Aufzählung diesen Rahmen sprengen würde.

Mit einigen habe ich auch private Verabredungen über den Einsatz hinaus, ich bin gespannt was daraus wird.



















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